Mapping the Archive

Visualisierung und Vermittlung des audiovisuellen Archivs des Berliner Künstlerprogramms des DAAD / Visualizing and Communicating the DAAD Artists-in-Berlin Program Audiovisual Archive

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Daniel Eisenberg

Persistence

(1997)
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Daniel Eisenberg

Digital copy / digitale Kopie (16mm), 83 Min.
Archiv des Berliner Künstlerprogramm des DAAD © Daniel Eisenberg

Persistence wurde 1991 bis 1992 in Berlin gedreht und mit Filmaufnahmen der Kameraleute des amerikanischen Signal Corps aus den Jahren 1945 bis 1946 zusammengeschnitten, die vom Archiv des Verteidigungsministeriums zur Verfügung gestellt wurden. In dieses Material eingefügt sind Zitate aus Rossellinis ebenfalls 1946 gedrehten Film Germania: Anno Zero (Deutschland im Jahre Null). Persistence ist eine Meditation über die Zeit kurz nach einem großen historischen Ereignis, darüber, was diesen Momenten gemeinsam ist, über kontinuierliche und diskontinuierliche Geschichtsverläufe. Der Film handelt auch von verschiedenen Arten filmischer Beobachtung: der persönlichen, der dokumentarischen und der fiktionalen. Er handelt von der Abhängigkeit von diesen traditionellen Beobachtungsmodellen, die notwendigerweise unserer Sicht der Ereignisse Form geben.

Die Texte stammen aus den Notizbüchern von Max Frisch, Stig Dagerman und Janet Flanner aus der Zeit kurz nach dem zweiten Weltkrieg, sowie aus meinen Tagebüchern von meinem Berlinaufenthalt (als Gast des DAAD) von 1991 bis 1992. Jene Tagebucheintragungen erscheinen oft zu aktuellem Filmmaterial, meine eigenen Eintragungen oft zu Archivmaterial. Manchmal macht ein Datum den Zuschauer auf die Verschiebung aufmerksam, ein andermal nicht.

Von Stig Dagerman stammt die Äußerung: 'Es fällt mir schwer, die Menschen zu begreifen, die ich im Allied Press Hotel treffe - sie meinen, ein kleiner Hungerstreik sei von größerem Interesse als der der Hunger von vielen. Während Hungerstreiks sensationell sind, ist der Hunger selbst es nicht, und was die in Armut lebenden und verbitterten Menschen hier denken, wird nur dann interessant, wenn Armut und Verbitterung in eine Katastrophe münden. Journalismus ist die Kunst, so früh wie möglich zu spät zu kommen... Ich werde das nie können.'

'Der Augenblick danach...' - Wenn man Stig Dagerman zuhört, beginnt man zu glauben, dass es tiefere Schichten, vielleicht Wichtigeres und Essentielles gibt, wonach man bei diesem 'Augenblick danach' suchen sollte. Im Jahr 1991 war das 'danach' offensichtlich, die tieferen Schichten davon jedoch keineswegs. Mit dem Abriss der Berliner Mauer beginnt die Generation der Beteiligten und Zuschauer des letzten Weltkriegs sich auf seltsam obsessive Weise mit ihrem Platz in der Geschichte und ihrer eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen.
Persistence versucht, diese unheimliche Überlagerung (oder ist es der Zusammenbruch?)) von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu rekostruieren.

Was löste dieser besondere Moment des Jahres 1991 aus? Die offizielle nationale Einheit macht es vielen möglich, die von ihrem Status als 'post-histoire' befreite Geschichte als Ganzes zu betrachten, obwohl auch diese Linearität und Kontinuität eine bequeme Illusion ist. Vielleicht könnte man diesen Moment vielmehr als Riss betrachten, als eine seismische Umstrukturierung der sozialen, historischen und politischen Kräfte, wodurch unbewusst unterdrückte Erinnerungen - sowohl historische als auch persönliche - an die Oberfläche gelangt sind. Ist es nur Zufall, dass es 1991 ein überwältigendes Interesse am Judentum gibt? Geschichte war in Deutschland jedenfalls immer mehr ein Thema als anderswo, vielleicht, weil es mehr zu verlieren gab, weil mehr auf dem Spiel stand. (...)

Aus meiner persönlichen Perspektive erscheint es mir nicht so sehr eine Frage, wie man ein historisches Trauma 'überwinden' kann, sondern eher, wie man es wirklich integrieren kann. Es geht nicht darum, dass die nach dem Krieg geborenen Generationen schuldlos bleiben, vielmehr müssen diese Söhne und Töchter wie auch die Generationen der Söhne und Töchter der Opfer gegenüber der Geschichte, in die sie hineingeboren wurden, verantwortlich bleiben.
Es stimmt vielleicht, dass Deutschland die einzige Nation ist, die der Opfer ihrer eigenen Kriege gedenkt, doch das Leben eines 'Außenseiters' in Deutschland heute kann für diesen dieselbe Problematik beinhalten wie in den vergangenen zweihundert Jahren. Das Problem ist nicht legaler, sondern psychologischer Natur, und ob de nationale Vorstellung, 'deutsch' zu sein, als Bürger, als Nation, einen neuen Stellenwert einnehmen kann - vielleicht ist das in letzter Konsequenz ein europäisches Problem, bei dem Deutschland aus historischer Notwendigkeit vorangehen muss.“


– Daniel Eisenberg in: Berlin, oder das Auge des Wirbelsturms. Filme um und über Berlin aus drei Jahrzehnten. Reflexionen von Gästen und Freunden des Berliner Künstlerprogramms. Berliner Künstlerprogramm des DAAD, Berlin 1999 (erschienen anlässlich des gleichnamigen Filmprogramms vom 8.-19. November 1999 im Kino Arsenal).

Daniel Eisenberg dreht seit über vierzig Jahren Filme und Videos an der Grenze zwischen Dokumentarfilm und experimentellen Medien. Während seiner Zeit als Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms 1991-92 drehte er seinen Film „Persistence“ (1997), „eine Meditation über die Zeit kurz nach einem großen historischen Ereignis“ (Daniel Eisenberg). Eisenberg lebt und arbeitet in Chicago und Berlin und ist Professor an der School of the Art Institute of Chicago. Mehr Informationen, Filmographie und Texte zu den Filmen auf der Webseite von Daniel Eisenberg.

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